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Ich brauche Fat Acceptance

Starke Frauen

… weil

jeder denkt, er hat das Recht mich zu beurteilen, mich zu verurteilen, mich darauf aufmerksam zu machen, dass ich ungesund/faul/hässlich bin …

Katrin von Reizende Rundungen)

In einer Gesellschaft, die vom Werbeideal: „schlank sein heißt schön sein“ stigmatisiert wird, sich selbst in und mit einem dicken Körper in Einklang zu bringen ist ein langwieriger Prozess und ein täglicher Kampf. Dann noch Energie und Kraft auf andere Frauen zu übertragen ist eine bemerkenswerte und starke Eigenschaft.

Katrin schreibt in ihrem Fashion Blog „Reizende Rundungen“ über Mode, Fat Acceptance, Fat Shaming sowie Alltagserlebnisse die ihren Weg zur Selbstakzeptanz beschreiben. Eine Reise zu sich selbst und dem eigenen Stil. In ihren Texten wird auf bemerkenswerte Weise klar welchen Angriffen – die teilweise über Körperlichkeit hinausgehen – sie sich auseinander setzen muss. Was es bedeutet echte Freunde zu haben, warum sie Angst hatte in der Öffentlichkeit zu essen und was es bedeutet und welch ein langer Weg es ist, sich selbst in seinem Körper zu lieben.

Doch sie setzt noch eins drauf. Sie macht anderen Frauen Mut und gibt ihre Erfahrungen weiter. Sie beschreibt Kleidung die sie selbst trägt, erzählt dazu Alltagsgeschichten, portraitiert sich dazu mit eigener Kamera und Selbstauslöser und umschreibt somit die Absurdität das Mode nur für schlanke gemacht sei.

Ich habe Katrin einen Nachmittag mit meiner Kamera begleitet und herausgefunden, dass sie neben ihrer Passion über Mode und Fat Acceptance zu bloggen auch unheimlich gerne backt. Kohlenhydrate, Fette … Na und? Weder beim Kleiden noch Essen, es gibt keine Regeln!

Sei du selbst, sei revolutionär!

 

Schimpftirade auf offener Straße. Leider ist ja nicht immer nur Friede, Freude, Eierkuchen. Und obwohl es grade mitten in der Nacht ist, muss ich mir meinen Frust jetzt doch noch von der Seele schreiben, ich will ihn nämlich definitiv nicht mit uns Bett nehmen. Heute, bzw. gestern Abend war ich bei Jule auf dem Geburtstag, wir hatten einen tollen Abend mit super Essen, Bier und Klopfern, irgendwann gegen halb 1 machten wir uns auf den Weg in die Stadt weil wir ins Stereo wollten. Als wir am Bahnhof aus der U-Bahn austiegen und die Treppen hoch gegangen sind, wurden wir plötzlich von lautem Geschrei begleitet. „BOAR IST DIE FETT ALTER!“ schallte es mir entgegen, ich nahm einen Schluck auf meiner Bierflasche und ging weiter. Ich dachte mir, einfach ignorieren, mit Betrunkenen disskutieren hat eh keinen Sinn und meisten ist die Sache damit ja gegessen. Leider war sie das nicht. Den ganzen Weg durch die U-Bahn Halstestelle, die Rolltreppe hinauf, die 300m bis in den Bielfelder Bahnhof und dann noch den halben Weg dadurch entlang rannte, dieser vorpubertärer, grade mal wie 16 aussehender Junge hinter uns her. Seine Freunde schienen alle recht peinlich berührt, und er tönte ununterbrochen „Du Fette Hure ich kann gar nicht glauben wie fett du bist, alter du bist so eine häßliche, fette Hure! So was hässliches hab ich noch nie gesehen!“ begleitet von einem fiesen Lachen. Er kam uns dabei unangenehm nah, wollte natürlich kein Wort mit sich reden lassen und sprang hyperaktiv um uns herum. Ich war leicht betrunken und habe gelacht. Ich habe laut gelacht, weil ich nicht glauben konnte, was hier grade passierte. Ich habe gelacht, weil es so sureal, so bescheuert und völlig daneben war. Mir ist ja schon viel passiert, aber das mich jemand mit so vielen Beschimpfungen und Beleidigungen auf offener Straße beglück hat, noch nicht. Meine 4 besten Freundinnen dagegen kochten vor Wut, alle drei. Sie haben zurück geschimpft, geschrien und es hätte wahrscheinlich nicht viel gefehlt, dann hätte eine von ihnen ihm ordentlich eins auf die Fresse gegeben. Obwohl ich am lachen war, habe ich selbst tatsächlich für einen kurzen Moment überlegt, ob ich ihm meine Bierflasche über den Kopf ziehen sollte. Irgendwann ließ er dann von uns ab. Die Stimmung war gemischt, ich war immer noch überrumpelt und gleichzeitig amüsiert, der Rest war stinksauer. Ich dachte, dass ich damit umgehen könnte, dass es mir egal ist, aber im Laufe des Abends hat sich raus gestellt, dass ich es nicht konnte. So schlimm, wie schon seit langem nicht mehr, habe ich jeden Blick in meine Richtung negativ gewertet, ich habe mindestens 5 Menschen dabei ertappt, wie sich mich angeschaut und danach gelacht haben und zwischen durch war ich davon überzeugt, das jemand versucht hat ein Foto von mir zu machen. Ich war völlig unentspannt. Immer wieder, habe ich versucht mir zu sagen, dass es mir egal ist, das nur wichtig ist, was ich denke, das meine besten Freundinnen bei mir sind, die mich aufs Blut verteidigen würden und dass ich einfach die Musik und den Abend genießen sollte. Aber meistens hielt das nur für einen kurzen Moment an. Gedanken wie „Na ja wahrscheinlich war er der einzige das es ausgesprochen hat, aber denken tun das ja eh alle“ gingen immer wieder durch meinen Kopf. Letztendlich habe ich mich am meisten darüber geärgert, wie sehr mich dieser Scheiß berührt hat. In dem Moment hat er mich kaum verletzt und nicht wirklich gestört, aber später hat es mich immer wieder eingeholt… Ich hatte einen Haarreifen mit Blumen dran auf dem Kopf, und als mir den jemand weg genommen hat und ihn sich selber aufgesetzt hab, war ich so paranoid und in meinen Gedanken verwickelt, dass ich mich fast einfach umgedreht und heulend weg gerannt wäre, tatsächlich stelle sich das aber als einer der Momente heraus, der mich dazu gebracht hat, nicht völlig den glauben an Menschen zu verlieren, denn ich muss wohl so geschockt geschaut haben, dass der Typ mich in den Arm nahm und mir dann meinen Blumenschmuck zurück gab. Ich weiß grade noch nicht so richtig, was ich aus diesem Erlebnis mitnehmen soll, dafür schwankt meine Stimmung zu sehr zwischen „mich für den Rest des Wochenendes im Bett verkriechen und weinen“ und „Ihr könnt mich mal, jetzt erst Recht“. Was bleibt, ist eine unglaubliche Wut. Die Wut darüber, nicht wie ein Mensch behandelt zu werden, von jemandem in mitten von vielen Leuten auf so unglaublich erniedrigende Weise behandelt zu werden, ohne das ihm auch nur ein mal der Gedanke kann, das egal wie sehr mein Aussehen oder mein Lebensstil gegen seine Prinzipien oder sein persönliches ästhetisches Empfinden geht, es sich noch immer um einen Menschen handelt, einen Menschen mit Gefühlen. Und auch Wut auf mich. Darüber , dass ich nicht reagiert hab, darüber, dass es mich tief im Inneren viel mehr verletzt hat, als ich dachte und ein bisschen Reue, dass ich ihm nicht doch die Bierflasche über den Kopf gezogen habe. Katrin

 

#StarkeFrauen
Ich portraitiere Frauen die aus meiner Sicht besonderes leisten bzw. aufgrund ihres Wesens etwas bewundernswertes haben und für andere Menschen Vorbild sein können. Ich möchte durch das Projekt Kraft und Motivation geben und aufzeigen, dass es immer sehr lohnenswert ist sich für eine Sache einzusetzen, auch wenn es manchmal – oder sogar oft – schwer fällt.
Ulrike Schwarz

stark  [ʃtaʁk] – mutig, bedeutend, hoffnungsreich, außergewöhnlich, zupackend, tätig, chancenreich, optimistisch, leidenschaftlich, eisern, standhaft, unglaublich, heftig, unstillbar, hilfreich, geschärft, unbeirrt, widerstandsfähig beschaffen, willensstark, kräftig, geballt, stabil, zäh, ernsthaft, tiefgreifend, eindrucksvoll, empfindlich, spürbar, existenziell, krass, sehr, ansteckend, tapfer, heldinnenhaft, couragiert, massiv